Eugen David
1987 - 1999 Nationalrat
1999 - 2011 Ständerat des Kantons St.Gallen
Eugen David e/Ständerat
Publikationen zu Recht und Politik

Emotionen versus NüchternheitParadigmenwechsel in der Schweizer Politik

12.09.2015

Wer was verkaufen will, muss Emotionen in Gang setzen.

Apple ist in diesem Fach wohl Weltmeister. Nach einem perfekt umgesetzten Emotionsschub in den social media standen Massen stundenlang vor den Läden Schlange, um das neue iPhone6 zu bekommen. In nur drei Tagen waren 10 Millionen Geräte verkauft.

In der Politik spielt derselbe Mechanismus. Gerade in der schweizerischen Volksdemokratie. Wer Volksabstimmungen gewinnen will, muss emotionalisieren. Ängste, Neid und gelegentlich auch Hass wecken und verstärken verspricht in der wohlsituierten Gesellschaft à la Suisse 2014 meist Erfolg.

Das Rezept wird Rechts und Links angewandt. Selbst der Bundesrat scheut davor nicht mehr zurück. Während die Rechtsnationalen für den Erhalt ihrer politischen Posten konsequent die Angst vor Fremden, Ausländern, Flüchtlingen schüren, versucht die Linke die Abneigung gegen die Reichen für ihre Positionen auszubeuten. Das Schüren der Angst vor drohendem Wohlstandsverlust ist regelmässig wiederkehrendes Instrument der Regierung in europapolitischen Abstimmungen.

Emotionen in der Politik gab es schon immer. Viele Entscheide wurden und werden emotional gefällt. In der modernen Kommunikationsgesellschaft sind allerdings einige Bremsen und Filter weggefallen. Emotionen können in kürzester Zeit massenhaft erzeugt und verbreitet werden. Es braucht dazu weder Versammlungen, noch Tageszeitungen, noch Verteiler von Flugblättern.

Die viel gepriesene Nüchternheit der Volksdemokratie schweizerischer Prägung hat darunter gelitten. Die gehäuften emotionalen Abstimmungskämpfe über alles Mögliche, schliessen zeitlich und sachlich eine rationale Beschäftigung mit den Zukunftsfragen des Landes praktisch aus.

Das politische Personal, Bundesräte, Parlamentarier, Regierungs- und Gemeinderäte, hetzen von einem Abstimmungstermin zum nächsten. Sie verkraften die permanente Emotionalisierung zunehmend schlechter. Entscheide werden gerne nach der gerade aktuell elektronisch verbreiteten Tagesstimmung gefällt.

Die umtriebig kurzatmigen Medien lieben die Stimmungspolitik. Erregung und moralinsaure Empörung versprechen Kasse, im Zeitalter der konkurrierenden Social Media dringend nötig. Seltsame Ratschläge werden gedruckt: weil die EU-Neinsager an ihrer Spitze einen emotionalen Sektenprediger mit Milliardenvermögen hätten, müssten die EU-Jasager eben mit gleichem Geschütz antworten. Sonst stünden sie beim Volk von vorneherein mit abgesägten Hosen da. So sei die Demokratie.

War die langsame, abwägende, rationale, meist emotionslose und daher auch ziemlich langweilige Politik ein Fehler oder ein Erfolgsfaktor? Immerhin hat sie die heutige Schweiz mit all ihren Institutionen in den Welt gesetzt. Offen bleibt, weshalb die stimmende Bevölkerung das Vertrauen in diese nüchterne Politik verloren hat und stattdessen extremen Stimmungsmachern folgt.

 

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